Medikamente im Trinkwasser: Was Kläranlagen wirklich können

Lisa Albrecht
Lisa Albrecht

Wer Leitungswasser trinkt, nimmt täglich auch die darin enthaltenen Medikamentenrückstände zu sich - als eine Art Coctail. Solche Aussagen liest man, wenn man sich intensiver mit dem Thema beschäftigt. Aber ist das Leitungswasser nicht das am besten kontrollierte Lebensmittel? Wozu gibt es sonst Kläranlagen und gesetzlich festgelegte Grenzwerte? Wie kommen Medikamentenrückstände in unser Trinkwasser und wie hängt alles zusammen? Kann man sich auch dagegen schützen?

Medikamentenrückstände im Trinkwasser

Verstehen, wie Kläranlagen funktionieren

Zusammen mit meiner Tochter schaute ich ein informatives Video, wie Kläranlagen in Deutschland arbeiten. Das war sehr aufschlussreich und auch für meine Sechsjährige richtig spannend. Sieht man etwas mit eigenen Augen, ist es intensiver im Kopf. Im Umgang mit dem Gut Wasser wird man anschließend tatsächlich sensibler. Leider wurden unsere kritischen Fragen in dem allgmeinen Kläranlagenvideo nicht beantwortet, auch weitere Videos ließen Details aus. Deshalb habe ich nachgeforscht.

In der Regel sind alle Schritte in einer Kläranlage gleich aufgebaut. Handelt es sich um Kläranlagen im medizinischen oder industriellen Bereich, können noch weitere Reinigungsschritte dazukommen. Es hängt immer davon ab, wie stark das Abwasser kontaminiert ist.

  • Grobe bzw. sperrige Feststoffe werden mit einem Grob- oder Feinrechen aus dem Abwasser gesiebt.
  • Anschließend werden Fette und Öle im Ölabscheider entfernt.
  • Im Sandfang setzt sich alles ab, was schwerer als Wasser ist - es können z. B. Sand, Steine, Glassplitter usw. sein.
  • Je nach Kläranlage setzen sich noch im Vorklärbecken ungelöste organische Stoffe wie Fäkalien und Papier ab. Der entstandene Primärschlamm muss dann im Faulturm weiter bearbeitet werden.
  • Dann müssen noch chemische Elemente wie Phosphor (in Reinigungsmitteln wie z. B. Spülmaschinentabs enthalten) herausgezogen werden. Dies geschiet mit einer Zugabe von Fällungsmittel wie Eisenchlorid, Eisenchloridsulfat, Eisen(II)-sulfat / Grünsalz, Aluminiumsulfat, etc. Genauer nachzulesen hier.

Das ist noch lange nicht alles. Jetzt ist eine gelblich-bräunliche Brühe (mit einem hohen Schlammanteil) übrig geblieben, die ziemlich unangehenm riecht. Nächster Schritt ist in der Regel:

  • Biologischer Abbau organischer Stoffe: In dieser Brühe sind Mikroorganismen enthalten, die natürlicherweise in allen Ausscheidungen vorhanden sind. Diese werden mit Sauerstoffzugabe gezüchtet. Die Mikroorganismen verwerten in der Brühe alles, was sie verwerten können. Dabei entstehen Schlammflocken, die vom Wasser wieder getrennt werden können. Das geklärte Wasser wird nun in Gewässer eingeleitet.
Medikamentenrückstände im Trinkwasser

Die feste Masse, also der von Wasser getrennter Schlamm, wird noch behandelt (siehe Schlammbehandlung) und soweit vorbereitet, dass er entsorgt werden kann. Früher landete er wohl auch auf Mülldeponien, aber seit 2005 ist das in Deutschland nicht mehr erlaubt. Er wird in der Landwirtschaft eingesetzt (Aufbringung auf die Bodenflächen) oder wird verbrannt. Das ist ein sehr umfangreiches Thema und ich überlege, dazu einen gesonderten Artikel zu schreiben. Es gibt eine Klärschlammverordnung - AbfKlärV, die genau festlegt, wie Klärschlamm verwertet werden darf. Aber dieser Klärschlamm ist nicht einfach nur Schlamm. Dort ist alles mögliche drin - auch Substanzen, die wir gar nicht haben möchten. Ein Blick in die Klärschlammverordnung lohnt sich!

Alles blitze-blank?

An vielen Stellen klingt es fast so, also ob die Bakterien wie kleine Zauberwesen das Wasser wieder vollständig sauber putzen würden. Und zack - ist alles weg! Aber in unserem Abwasser ist leider so viel mehr drin! Nach dem ich mich auch mit dem anfallenden Klärschlamm beschäftigt habe - und er fällt Tonnenweise an - bin ich auf der Hut. Schaut man genau hin, landet doch alles mögliche in unserem Abwasser. Und dabei geht es um weit mehr als nur um die harmlose Toilettenspülung!

  • Es gibt Gründe, warum man sein Auto nur an bestimmten Stellen wie Autowaschanlagen waschen darf. Trotzdem gelangt Reifenabrieb (Mikroplastik), Bremsabrieb (Metalle), Schmutzpartikel, tropfendes Öl und andere Flüssigkeiten durch die Kanalisation in die Kläranlagen, wenn es geregnet hat. Zusätzlich wird noch der Feinstaub aus der Luft mitgenommen. Übrigens: Regenwürmer entwickeln sich schlechter im Boden mit Feinstaubpartikeln. Und ich bin mir sicher, das gilt auch für alle anderen Lebewesen.
  • Zigarettenkippen werden gerne auf dem Boden entsorgt.
  • Nach wie vor werden Farben, Lacke und Lösungsmittel einfach in den Abfluss gekippt!
  • Wie selbstverständlich landen unzählige scharfe Putzmittel in unseren Abflüssen.
  • Medikamentenrückstände sind nicht nur in unseren Ausscheidungen enthalten. Leider werden Medikamente auch teilweise im Klo entsorgt, obwohl das nicht erlaubt ist.
Medikamentenrückstände im Trinkwasser

Auf der Seite der Kommunalbetriebe Neustadt wird erklärt, was alles nicht in die Kanalisation darf und dort steht ganz deutlich: "In den Kläranlagen können Chemikalien und Giftstoffe nicht abgebaut werden und gelangen damit ungehindert in unsere Gewässer."

Und hiermit schließt sich der Kreis. Auf der Seite gesundheit.de wird erklärt: "Betrachten wir diese Frage am Beispiel Diclofenac: Rund 85 Tonnen des Schmerzmittels werden jährlich in Deutschland verbraucht. Allerdings verlassen 70 Prozent des Wirkstoffes den Körpers wieder auf natürlichem Wege – und gelangen dabei ins Abwasser. So gelangen etwa 60 Tonnen Diclofenac über den Urin in den Wasserkreislauf." Auch wenn man liest, dass unsere Gewässer früher unter der Industrialisierung deutlich verschmutzter waren, gibt es keine Entwarnung. Ganz im Gegenteil. Der NDR schreibt in seinem Artikel über die Gefahr der Medikamentenrückstände folgendes: "Neben dem Umweltbundesamt geht auch der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches davon aus, dass der Arzneimittelverbrauch aufgrund der demografischen Entwicklung auf lange Sicht vermutlich weiter ansteigen wird. Damit werde höchstwahrscheinlich auch die Menge an Arzneimittelrückständen in der Umwelt ansteigen. Die Gewässer und damit die Trinkwasser-Ressourcen müssten vor vermeidbaren Einträgen nachhaltig geschützt werden."

Wie kommen Medikamentenrückstände in unser Leitungswasser?

Damit man versteht, wie Medikamentenrückstände nun zurück in unser Trinkwasser gelangen, schaut man sich den natürlichen Wasserkreislauf genauer an. Hier bei uns kommt das Wasser aus der Leitung aus zwei 17 und 18 Meter tiefen Brunnen aus einem Nachbarort. Die Brunnen befinden sich auf einem Wasserschutzgebiet. Das ist zwar sehr schön, trotzdem sind damit die in die Flüsse geleiteten Medikamentenrückstände nicht aus der Welt. Das Grundwasser bekommt schnell ein Problem, wenn zu viel Gülle oder Pestizide auf die Felder aufgebracht werden. Und nicht überall in Deutschland kommt das Trinkwasser direkt aus dem Grundwasser. Dem Bodensee werden jährlich zwischen 125 und 130 Millionen Kubikmeter Wasser durch die Bodensee-Wasserversorgung entnommen. Jeder kann bei seinem Wasserversorger genau nachschauen, woher das Wasser kommt und welche Werte die Analysen ergeben haben. In der Dokumentation vom NDR Die Tricks mit unserem Wasser fand ich spannende Beispiele. Sie haben nicht nur den Schmerzmittel-Wirkstoff Diclofenac im Wasser aus einem Klärwerksauslauf in Lübeck (2,27 Mikrogramm pro Liter) und im Wasser der Elbe in Hamburg (0,03 Mikrogramm pro Liter) gefunden. Das Trinkwasser war auch mit dem synthetisch hergestellten Süßstoff Acesulfam-K belastet. (Quelle Diclofenac-Wirkstoff und Quelle Acesulfam-K). Unser Grundwasser wird u.a. durch diese Faktoren verschmutzt:

  • Der hohe Fleischkonsum bringt automatisch zu viel Gülle mit sich, die auf den Feldern landet. Nitrat kann im Körper in giftiges Nitrit und in krebserzeugende Nitrosamine umgewandelt werden. Die BUND-Studie "Nitrat im Trinkwasser" analysiert das Nitratproblem in Deutschland. Zur Studie
  • Entsorgung des Klärschlamms auf landwirtschaftlichen Flächen. Publikation des Umweltbundesamts "Klärschlammentsorgung in der Bundesrepublik Deutschland"
  • Falsche Entsorgung giftiger Substanzen über die Kanalisation, Gewässer oder Aufbringung direkt auf den Erdboden.
Medikamentenrückstände im Trinkwasser

Medikamentenrückstände im Wasser: Wie gefährlich sind sie für den Menschen?

Auf diese Frage habe ich noch keine klare Antwort gefunden, viele Schweigen dazu. Vermutlich gibt es sie auch nicht, denn das Thema ist sehr komplex. Aber Wissenschaftler wissen, dass Wasserlebewesen bereits unter den Medikamenteneinflüssen leiden. In Baden-Württemberg gibt es mitlerweile Kläranlagen mit einer zusätzlichen, vierten Reinigungsstufe. Auf der Seite des Ministeriums für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft Baden-Württemberg wird erklärt: "Täglich gelangen Chemikalien und pharmazeutische Stoffe mit dem häuslichen Abwasser in die Kläranlagen. Trotz des hohen Ausbaustandards können dort mit den herkömmlichen Verfahren nicht alle Stoffe ausreichend entfernt werden. Die Folge: Spurenstoffe gelangen in unsere Gewässer. [...] Durch die verbesserte Analytik wurde es in den letzten Jahren möglich, diese zu bestimmen. Zu den Spurenstoffen zählen beispielsweise Arzneimittelwirkstoffe, Röntgenkontrastmittel, Duftstoffe in Körperpflege- und Reinigungsmitteln, Biozide, Flammschutzmittel, perfluorierte Chemikalien (PFC) sowie Stoffe mit hormonähnlichen Wirkungen." Nach meinem Stand sind aktuell 16 Kläranlagen in Baden-Württemberg mit einer vierten Reinigungsstufe in Betrieb und es werden weitere folgen. In diesem offiziellen PDF zum Spurenstoffinventarder Fließgewässerin Baden-Württemberg bekommt man sehr detailierte Informationen zu den einzelnen gefundenen Arzeimittel an bestimmten Standorten und deren Konzentrationen. Ich bin überrascht, dass solche Analysen überhaupt existieren. Aber die Ergebnisse haben mich geschockt.

Was können wir tun, um unser Wasser zu schützen?

Der Medikamentenkonsum ist in Deutschland so hoch wie noch nie. Wir sollten uns Gedanken machen, warum das so ist und sind alle Medikamente wirklich nötig?

  • Viele Medikamente lassen sich durch natürliche Alternativen ersetzen oder können komplett weggelassen werden, wenn man die Ursachen behebt oder sich bei einer Erkältung einfach Ruhe gönnt (unser Körper besitzt Selbstheilungskräfte!).
  • Gute Ernährung ist die Basis für eine gute Gesundheit.
  • Ein gesunder Lebensstil reduziert automatisch viele Tonnen Medikamente, die wegen Bewegungsmangel und falscher Ernährung eingenommen werden müssen.
  • Medikamente dürfen nur mit dem Hausmüll (Restmülltonne) entsorgt werden.

Wie schützen wir uns vor dem Medikamenten-Coctail?

Jeder kann aktiv etwas gegen die Flut an Medikamentenrückständen in unseren Gewässern tun. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir in jedem Fall einen Nachteil haben, wenn das Leitungswasser mit Spuren von sehr vielen verschiedenen Wirkstoffen kontaminiert ist. Neben Ozon wird auch Aktivkohle bei der vierten Reinigungsstufe in den Kläranlagen verwendet. Wenn ich die Wahl habe, ob ich ein Glas gefiltertes oder ungefiltertes Wasser trinke, greife ich selbstverständlich zu der gefilterten Variante. Ein Wasserfilter in den eigenen vier Wänden, der diverse Stoffe zusätzlich filtern kann - sozusagen als die vierte Reinigungsstufe - macht für mich sehr viel Sinn. Wir haben seit mehreren Jahren unseren Aktivkohle-Wasserfilter im Einsatz und haben die Anschaffung nicht bereut. Der Kostenpunkt ist sehr überschaubar, wichtig ist nur, auf Qualität zu setzen. Über unseren Wasserfilter habe ich schon sehr viele Beiträge verfasst. Ich verlinke dir gerne die Beiträge unten. Und auch diese Dokumentation vom NDR Unser Wasser - Verschmutzen und verharmlosen | Die Tricks ist absolut sehenswert.

Beitrag von Lisa Albrecht am 27. September 2020 veröffentlicht.

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