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Tschernobyl - Mein Leben in der verstrahlten Zone

Lisa Albrecht
Lisa Albrecht

Es ist der 28. April 1986. Meine Eltern freuen sich auf ihren Urlaub auf dem Land. Wir - mein Bruder und ich - sitzen auf der Rückbank unseres Autos und können es kaum abwarten, endlich anzukommen. Wir fahren zu unseren Großeltern. Sie leben sehr ländlich, sehr urig und so ganz anders, als wir. In unserer Stadtwohnung haben wir alle Bequemlichkeiten wie fließend warmes Wasser und eine Zentralheizung. Meine Großeltern haben sich auf einem recht großen Stück Land ein schönes Leben aufgebaut. Das Holzhaus, das mein Opa fast alleine für seine Familie gebaut hat, riecht ein wenig nach frischem Kalkanstrich - denn er hat sich auf seine Gäste schon vor Wochen vorbereitet. Alles muss plötzlich erledigt werden, was liegen geblieben ist. Meine Oma hat natürlich die Betten mit handbestickter Bettwäsche frisch bezogen, die leckersten Dinge zubereitet und den sibirischen Ofen zurecht gemacht, der ein gemütliches und warmes Liegeplätzchen bot. Es klingt einfach zu schön. So war es auch. Aber leider hat die ganze Idylle einen gewaltigen Hacken.

Ich erinnere mich an diese Bank, die vor dem Zaun meiner Oma stand - hier versammelten sich Menschen, die zusammen gesungen und Zeit miteinander verbracht haben.
Ich erinnere mich an diese Bank, die vor dem Zaun meiner Oma stand - hier versammelten sich Menschen, die zusammen gesungen und Zeit miteinander verbracht haben.

Zwei Tage vor der Abreise aus unserer Kleinstadt in der Nähe von Kiew, der Hauptstadt von Ukraine, am 26. April 1986, passierte die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im Block 4 des Kernkraftwerks in der Nähe der Stadt Prypjat. Wir, also meine Eltern und ihre zwei Kinder, fahren nichts wissend genau in diese Richtung - ich war damals knapp 2 Jahre alt. Man muss es sich so vorstellen: Es war in der Zeit schwierig, die neuesten Nachrichten zu erfahren. Selbst jetzt ist es in der Ukraine nicht immer so einfach mit der Berichterstattung. Die Regierung hat versucht, die Nuklearkatastrophe so lange wie möglich zu verheimlichen, damit die Menschen nicht in Panik gerieten.

Aus dem Leben ist ein Geisterdorf geworden - es ist nicht viel übrig geblieben - verlassene Häuser, die bald einstürzen werden.
Aus dem Leben ist ein Geisterdorf geworden - es ist nicht viel übrig geblieben - verlassene Häuser, die bald einstürzen werden.

Am Montag, den 28. April 1986 wurde im 1200 km entfernten Kernkraftwerk in Schweden (Forsmark) erhöhte Radioaktivität auf dem Gelände gemessen. Als man wusste, dass die Werte nicht von der eigener Anlage ausgingen, kam der Verdacht (auf Grund der Windrichtung), dass in der Sowjetunion etwas passiert sein muss. Die sowjetischen Behörden haben zuerst eine Nachrichtensperre verhängt, später sprachen sie von einem Unfall und dass bereits Maßnahmen zur Beseitigung der Havarie ergriffen wurden. Erst am Dienstag, also drei Tage später, hörte man von einer Katastrophe und zwei Todesopfern. Auch am Mittwoch waren die Informationen sehr begrenzt, ein retuschiertes Foto vom Unglücksort wurde im Fernsehen gezeigt. Meine Oma hatte keinen Fernseher, wir waren draußen auf dem Land, in der Natur - so verbrachten wir einige Tage, völlig unwissend und in Gefahr.

Tschernobyl und das Dorf meiner Oma

Ich habe ein Video der deutschen Berichterstattung vom 29. April 1986 gefunden, da werden die ersten Erkenntnisse zusammengefasst. Meine Familie wusste damals noch viel weniger, da die Meldungen in der Presse nicht der Rede wert waren - bis zum 14. Mai 1986 wussten die Menschen im Ausland mehr, als die Einwohner der Ukraine selbst.

Hier war die sogenannte
Hier war die sogenannte "Banja" - ein Badehaus meiner Großeltern.

Von der Unglücksstelle bis zu meiner Oma waren es ca. 50 km Luftlinie. Die Stadt Prypjat, ganz in der Nähe des Kernkraftwerks, wurde am 27. April 1986 evakuiert. Am 3. Mai wurde geplant, Einwohner aus einem Umkreis von 10 km um den Reaktor zu evakuieren. So ging es weiter. Am 4. Mai 1986 wurden ca. 116.000 Menschen aus dem Gebiet von 30 km um den Reaktor evakuiert. Auch in den folgenden Jahren wurden Menschen umgesiedelt. Die Sperrzone umfasst ca. 4300 km², das ist ungefähr ein Radius von 37 km. Das Dorf meiner Oma lag nicht im Sperrgebiet, es ist jedoch sehr nah dran. Auf diesem Bild könnt ihr sehen, wie die Gegend wegen der Strahlung aufgeteilt wurde. Wir besuchten meine Oma im Ort "Wystupowytchy", dieser Punkt ist ebenso auf der Karte. Dort wurden die Menschen weder gut mit Informationen versorgt, noch rechtzeitig evakuiert.

Tschernobyl und das Dorf meiner Oma

Während meine Eltern sich auf dem Weg nach Hause befanden, wurde unser Auto von Polizeibeamten angehalten. Mein Vater erinnert sich noch heute, dass ihm niemand etwas gesagt hat. Wir wussten nicht, warum unser Auto angeschaut wurde. Aufgefallen ist uns auf dem Rückweg nur, dass auf einer Strecke recht viele Busse mit Menschen unterwegs waren. Da jedoch Feiertage dazwischen lagen, war das zur damaligen Zeit nicht ungewöhnlich - es hätte auch eine größere Veranstaltung irgendwo geben können.

Meine Oma mit ihren Kindern.
Meine Oma mit ihren Kindern.

Mein Opa wollte sein geliebtes Dorf nicht verlassen. Er ist dort groß geworden, es war seine Heimat. Meine Großeltern lebten also einige Jahre weiter in dieser radioaktiv verseuchten Gegend, bis wir sie überzeugen konnten, zu uns zu ziehen. Die Dorfeinwohner wussten auch nicht, wie hoch die Strahlung im Dorf wirklich ist. Bis mein Vater die Möglichkeit hatte, selbst nachzumessen. In unserer 2-Zimmer-Wohnung gab es zwar recht wenig Platz für alle, dafür war die Strahlenbelastung deutlich niedriger. Meine Großeltern haben so viel verloren. Mein Opa ist vor Jahren verstorben, meine Oma leidet an Alzheimer und wird in der Ukraine von Familienangehörigen gepflegt. Einige aus dem Bekanntenkreis meiner Großeltern leben schon lange nicht mehr, sie sind an Krebs gestorben. Denn nicht alle hatten die Möglichkeit, in einer strahlungsarmen oder strahlungsfreien Gegend etwas aufzubauen. Es herrschte natürlich Wohnungsmangel und nicht alle hatten großzügige finanzielle Mittel, um dem Unglück zu entkommen.

Das ist der Eingang zum Haus auf dem Grundstück meiner Großeltern: Es ist nichts übrig geblieben, nur das Hausdach ist sichtbar. Unbekannte haben das Haus auseinander genommen und das verseuchte, radioaktive Baumaterial verkauft.
Das ist der Eingang zum Haus auf dem Grundstück meiner Großeltern: Es ist nichts übrig geblieben, nur das Hausdach ist sichtbar. Unbekannte haben das Haus auseinander genommen und das verseuchte, radioaktive Baumaterial verkauft.

Ich versuche zu verstehen, warum Menschen nach wie vor auf Atomstrom setzen. Ich schätze, es ist ihre Unwissenheit oder ihre Bequemlichkeit. Aus diesem Grund möchte ich meine Geschichte nicht verheimlichen. Bitte haltet die Augen offen, teilt meine Geschichte und macht Menschen auf dieses Thema aufmerksam. Ich hatte direkte Berührungspunkte mit Tschernobyl und ich möchte so gerne sagen, dass so ein Unglück nicht noch einmal passieren wird. Es wird immer gesagt, wie sicher doch unsere Atomkraftwerke sind. Aber leider passierte am 11. März 2011 die Nuklearkatastrophe von Fukushima. Das hat sehr viele Menschen nachdenklich gemacht. Sehr vielen ist das Ausmaß der Gefahr bewusst geworden. Ich bin sehr froh, dass Deutschland bis 2022 aus dem Atomprogramm aussteigen möchte. Wir müssen als Beispiel vorangehen, damit auch weitere Länder aussteigen. Denn auch wenn Deutschland alle Kernkraftwerke abschaltet, sind noch genügend Weitere in der Nachbarschaft am Netz.

Ökostrom beziehen

Wir beziehen echten Öko-Strom von Polarstern. Sie arbeiten mit dem Inn-Kraftwerk Feldkirchen zusammen. Das Laufwasserkraftwerk wurde mit dem EKOenergie-Label ausgezeichnet. Das Gütesiegel bekommt man nur, wenn die Kraftwerke nachhaltig geführt werden. Ein großes Thema bei Polarstern ist auch die Durchwanderbarkeit für Fische. Damit sie ihre Wanderwege beibehalten können, wurde eine 5,3 Kilometer lange Umgehungsgerinne geschaffen. Fische aller Größen können somit über mehrere Stufen am Kraftwerk vorbei geführt werden. Wenn ich in der Gegend von München bin, werde ich mir das anschauen - denn das Kraftwerk ist für Besucher an bestimmten Terminen im Jahr offen (einfach anfragen). Um das Wasserkraftwerk herum wurden für die Fische zusätzlich viele Hochwasser-Rückzugsgebiete geschaffen und erfolgreiche Renaturierungsmaßnahmen realisiert - das finde ich sehr schön.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wechsel zum Öko-Strom, unterstütze keinen Atomstrom und sorge ganz bewusst dafür, dass das Leben sicherer wird. Für dich selbst und für die Zukunft deiner Kinder. Ein Strom-Wechsel ist ganz einfach und sehr viele Schritte werden dir abgenommen. Man muss es einfach machen! Liebe Grüße, Eure Lisa.

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Dieser Beitrag wurde von Lisa Albrecht am 26. April 2018 veröffentlicht.

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Lisa Albrecht

Lisa Albrecht

Gründerin & Autorin

Auf meinem Blog teile ich mit dir meine Erfahrungen und Gedanken, wie man ein Stück "grüner" Leben kann. Gesünder, leichter, harmonischer, bewusster und einfach glücklicher. Ich bin Mama einer Tochter und wir haben auch einen Familienhund. Ich liebe das Meer und mit Erdbeeren kann man mich leicht bestechen.

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