Interview zu Corona: Ich war psychisch kurz vor einem Nervenzusammenbruch

Lisa Albrecht
Lisa Albrecht
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Heute starten meine Interviews zum Thema Corona. Es sind nun viele Monate vergangen, seit die ersten Maßnahmen in Deutschland in Kraft getreten sind. Corona ist weltweit spürbar. Ich habe Menschen aufgefordert, mir drei Fragen zu beantworten, um einen Einblick zu bekommen, wie es ihnen ergangen ist, was bei ihnen persönlich in dieser Zeit in Bezug auf Corona passiert ist und wie sie mit der ganzen Situation heute umgehen.

Diana S. (Pseudonym), 42 Jahre alt, Mutter zweier Kinder (12 und 4), verheiratet, von Beruf Dolmetscherin, wohnt in der Ukraine, hat mir diese drei Fragen zum Thema Corona am 16. August 2020 beantwortet. Vielen Dank, Diana, für deine Offenheit und Zeit. Ich habe das Interview ins Deutsche übersetzt, denn mit Diana habe ich auf ukrainisch gesprochen.

Corona - persönlicher Einblick in eine Familie

Wie ging es dir und deiner Familie, als die Pandemie ausgerufen wurde?

Diana: Als ich von den ersten Fällen in China hörte, war das alles weit weg. Ich habe dem Ganzen wenig Bedeutung geschenkt. Ich war vielleicht zu naiv, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was dieser Anfang für uns bedeuten würde. Wir durften nicht mehr raus, zum Einkaufen nur mit Maske, Schulen und Kindergärten hatten zu. Es herrschte Chaos, es gab Lebensmittelknappheit und die Preise gingen hoch. Ich hatte richtig Angst. Plötzlich wurde alles anders, überall schwirrte Corona in der Luft, die Nachrichten waren voll mit Bildern. Als das normale Leben komplett eingeschränkt war, kämpfte ich ganz schön mit mir selbst. Ich litt unter großen Ängsten und entwickelte eine regelrechte Angststörung in Bezug auf zwischenmenschliche Kontakte. Ich sah überall Gefahr, jedes Niesen meiner Kinder hat mich panisch gemacht. Ich machte mir wirklich große Sorgen, dass wir bald sterben könnten. Mein Mann ist Asthmatiker und ich habe ebenfalls eine sehr anfällige Lunge, sobald ich mir etwas einfange. Ich habe viel geweint. In unserem Haus wohnen sehr viele Menschen. Bevor ich Oberflächen anfasste, desinfizierte ich sie. Ehrlich gesagt, ich war psychisch kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Ich wusste nicht mehr weiter. Jeden Tag mit dieser Angst zu leben, ohne Hoffnung, dass jemals wieder Normalität einkehrt, ist einfach extrem belastend. Eines Tages hat mir mein Mann mit sehr klaren Worten zu verstehen gegeben, dass er - wenn es so weiter geht - nicht mehr mitmacht. Durch diesen enormen Druck und die vielen Alltags-Herausforderungen stand unsere Beziehung auf dem Spiel. Das hat mir zum Glück die Augen geöffnet und ich habe es geschafft, auf die Stopp-Taste zu drücken.

Corona und die Auswirkungen auf unser Leben

Wie geht es euch heute, in welcher Form hat sich die Pandemie in eurem Leben gezeigt?

Diana: Wir wohnen in einer Stadtwohnung ohne Garten, der Lockdown war besonders für die Kinder hart. Völlig ohne die Möglichkeit, Spielplätze zu besuchen, fiel uns die Decke auf den Kopf. Obwohl der Spielplatz um die Ecke leer stand, durften wir nicht hin. Meine Eltern wohnen ebenfalls in unserer Stadt, ein paar Minuten von uns entfernt. Sie brauchen täglich meine Unterstützung, da sie nicht mehr so fit sind. Dies war gar nicht mehr möglich. Meine Mutter rief mich eines Tages an, sie weinte und sagte, dass sie lieber jetzt mit Corona sterben würde, als ohne ihre Kinder und Enkelkinder zu leben. Das gab mir einen Stich mitten ins Herz.

Meiner Arbeit konnte ich weiterhin nachgehen, ich hab schon länger auch von Zuhause aus übersetzt. Bei meinem Mann wurde recht schnell Kurzarbeit ausgerufen, ab Dezember ist er dann leider arbeitslos. Seine Firma ist coronabedingt pleite, er hat dort 15 Jahre im Vertrieb und Beratung gearbeitet. Das macht ihn sehr wütend, da wir nun vor einer sehr schwierigen finanziellen Situation stehen und alles nun noch mehr auf mir lastet.

In unserem Umfeld gab es tatsächlich nur zwei Familien, die positiv getestet wurden. Sie hatten leichte bis mittlere Symptome, blieben Zuhause und kurierten sich aus. Es geht ihnen gut. Ansonsten kenne ich keine Fälle, die ansatzweise besorgniserregend waren. Die Maßnahmen hatten in unserer Familie bis jetzt nur negative Folgen. Statt dem Schutz vor Krankheit gab es unterm Strich Arbeitsplatzverlust, starke psychische Belastungen, Ehekrise, unzufriedene Kinder, stark eingeschränktes Leben mit wenig Lebensfreude oder positiven Momenten. Ich frage mich heute ernsthaft, ob die Maßnahmen nicht doch zu krass waren und ob der Preis, den wir bezahlt haben, wirklich gerechtfertigt ist.

Corona und die Auswirkungen auf unser Leben

Wie sieht du die Zukunft und was ist für dich in Bezug auf die Pandemie wichtig?

Diana: Ich glaube, man kann sich nicht vor jeder Krankheit hundertprozentig schützen, Dinge passieren eben. Menschen sterben. Meine Oma ist vor einigen Jahren gestorben, nach dem sie eine Erkältung bekam. Sie hatte als Folge eine Lungenentzündung, auch sie war Asthmatikerin. Aber nachdem mir meine Mutter klar gemacht hat, dass sie dieses völlig isolierte leben nicht mehr leben möchte, verstand ich, dass es ja noch mehr im Leben gibt als Krankheit und Schutz. Sie sagte mir, sie ist zwar in Sicherheit, aber todunglücklich. Ich würde mir in Zukunft wünschen, dass mehr Individualität und Eigenverantwortung an der Tagesordnung steht. Was in den vergangenen Monaten passiert ist, fühlte sich an wie eine schwere Walze, die unser komplettes Leben platt gemacht hat.

Vor zwei Wochen waren wir im Urlaub am Meer, diese Auszeit war für uns sehr wichtig. Wie gut, dass ich die vorher gebuchte Reise nicht storniert habe. Wir haben in dieser kurzen Zeit als Familie gemerkt, dass das Leben weiter geht, dass Corona uns nicht beherrscht und wie wichtig es ist, einfach zu leben. Denn wir leben jetzt. Ich möchte nicht mehr in diese schlimme Zeit zurück, in diese Angst, die uns völlig kontrollierte und beherrschte.

Beitrag von Lisa Albrecht am 19. August 2020 veröffentlicht.

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