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Interview mit Dr. med. Ludwig Jacob über Veggiewahn und vegane Ernährung

Lisa Albrecht
Lisa Albrecht

Ich habe vor kurzem das Buch Veggiewahn von Ulrich Neumeister gelesen (mehr in diesem Artikel inkl. Interview mit dem Autor). Das Buch ist sehr kontrovers und hat mich persönlich nicht überzeugt, Fleisch wieder in meinen Speiseplan zu integrieren bzw. sogut wie keine Kohlenhydrate mehr zu essen. Mich persönlich hat es zusätzlich sehr interessiert, was eigentlich Experten aus dem Gesundheitsbereich zu den Argumenten sagen, die für eine sehr fleischreiche Ernährung sprechen. Ich habe Herrn Dr. med. Ludwig Jacob gefragt, ob er seinen Wissensstand zu verschiedenen Aussagen aus dem Buch "Veggiewahn" mit uns teilen möchte. Dr. Jacob hat für sein Buch Dr. Jacobs Weg des genussvollen Verzichts über 1400 wissenschaftliche Studien ausgewertet und erklärt, was Zivilisationserkrankungen begünstig und welche Ernährung für den Menschen von Vorteil wäre, um gesund zu bleiben oder auch gesund zu werden. Er ist darüberhinaus Autor vieler Fachartikel zu Forschungsschwerpunkten wie Granatapfel-Polyphenole, Ernährungstherapie von Prostatakrebs, metabolisches Syndrom, Säure-Basen- und Mineralstoff-Haushalt. Ich freue mich sehr, in dieses spannende Thema nun einzutauchen und wieder etwas lernen zu können. :-)

Dr. Jacob im Interview

Dr. med. Ludwig Jacob im Interview über die Kritik am Veganismus und Vegetarismus

Ist Ihrer Ansicht nach eine Paleo- bzw. Steinzeit-Ernährungsform gesund?

Dr. Jacob: Welche? Jede Form der Steinzeit-Ernährung sah auf der Welt ganz anders aus - je nach Klima. Bei den allermeisten echten Steinzeit-Ernährungsformen wurden viel mehr Ballaststoffe, grüne Pflanzen, Knollen, Wurzeln und Beeren, wesentlich weniger Salz und viel mehr Vitamine, Spurenelemente, Kalium und Magnesium verzehrt und ca. 30 km am Tag zu Fuß zurückgelegt – das ist gesund. Der heutige Paleo-Kult hat damit nichts zu tun, aber löst vor allem bei Männern eine gewisse Lagerfreuer-Romatik aus. Die Jagd beginnt und endet dann meist an der Fleischtheke.

Wer übergewichtig ist, kann durch eine echte Steinzeitlebensweise, inkl. Steinzeitjagd-Waffen, Steinzeitjagd und Steinzeit-Klamotten, sicher sehr schnell abnehmen. Reise-Tipp: Grönland.

Es gibt zahlreiche Studien für vegane Ernährung. Die Gegenseite behauptet jedoch, dass es genauso viele Studien gegen die vegane Ernährung gibt. Sie als Experte können das sicher sehr gut beurteilen, schließlich haben Sie in Ihrem Buch "Dr. Jacobs Weg" mehr als 1400 Studien ausgewertet und zusammengefasst. Wie ist die Studien-Sachlage denn nun wirklich?

Dr. Jacob: Es kommt nicht auf die Anzahl, sondern vielmehr auf die Qualität der Studien zu einem Thema an. Führende Wissenschaftsgremien (z.B. der Harvard Medical School, die WHO, der WCRF, www.wcrf.org/) raten zu einer pflanzenbetonten Ernährung, zur Fleischreduktion und zum kompletten Verzicht auf verarbeitete Fleischwaren, wie Hamburger oder Wurst.

Dr. Jacob im Interview

Was halten Sie von dieser Aussage, ich zitiere: "Was damals noch wesentlich mehr verzehrt wurde als heutzutage, das sind fettreiche, tierische Produkte wie z.B. Butter, Eier, Speck, Salami und Leberwurst - daher die riesigen Pranken älterer Menschen." Ebenso schreibt der Autor, ich zitiere: "Das Gleiche gilt für die Gesichtszüge: Vegetarier-Kinder, aber auch immer mehr "normal" ernährte Kinder und junge Erwachsene weisen immer häufiger sehr kindliche Gesichtszüge auf, erkennbar zum Beispiel an einer Stupsnase oder an einem eher rundlichen Gesicht, aber nicht, weil sich da eine "zarte Seele" inkarniert hat, wie es ihre Eltern vielleicht vermuten würden, sondern weil infolge einer Fehlernährung die Ausbildung des gesamten Skeletts nur noch unvollständig stattfindet." Wissen Sie etwas darüber? (Quelle des Zitats: Neumeister, Ulrich: Veggiewahn. Linz : Freya Verlag, 2016. Seite 83)

Dr. Jacob: Hierzu kann man nur anmerken, dass es sich bei diesen „älteren Menschen“ um die Menschen handelt, die während oder nach dem Krieg aufgewachsen sind. Diese sind nicht im Überfluss, sondern meistens im Mangel aufgewachsen. Ernährungswissenschaftler sind sich einig, dass Kinder durchaus vegetarisch oder vegan ernährt werden können, aber es ist dabei auf einiges zu achten. Es ist bedauerlich, dass Herr Neumeister offenbar ein Veggie-Trauma in seiner Kindheit erlitten hat. Das ist aber eher ein psychologisches als ernährungswissenschaftliches Problem.

Eltern, die Ihre Kinder vegan ernähren, werden oft besonders verurteilt. Ich zitiere: "Bei Veganern haben wir jedoch genau die umgekehrte Situation: Sie probieren, mit einer äußerst minimalistischen Ernährung ihre Kinder großzuziehen. Diese Versuche sind gelinde gesagt Menschenversuche mit ungewissem Ausgang. Und wenn sie ihren Kindern etwas Gutes tun wollen, dann geben sie ihnen Unmengen an Obst und Gemüse - alles Dinge, die die Kinder für ihre körperliche Entwicklung nicht wirklich brauchen. Aber hochwertiges, leicht verwertbares Eiweiß und gesunde, tierische Fette - die eigentlich das Wichtigste sind - werden den armen Kindern aus ideologischen Gründen oder auf Grund von fehlerhaften Informationen vorenthalten." (Quelle des Zitats: Neumeister, Ulrich: Veggiewahn. Linz : Freya Verlag, 2016. Seite 68) Wie würden Sie diese Aussage bewerten und was würden Sie den verunsicherten Eltern raten?

Dr. Jacob: Auch durch pflanzliche Lebensmittel kann man genügend hochwertiges Eiweiß zu sich nehmen. Anders als tierisches Eiweiß enthält pflanzliches Eiweiß aus einer Quelle nicht immer alle essentiellen Aminosäuren. Durch die Kombination unterschiedlicher Eiweißquellen kann man jedoch auch durch pflanzliche Lebensmittel eine hohe Wertigkeit des verzehrten Eiweißes erzielen (z.B. Getreide und Hülsenfrüchte).

Im Gegenteil: In der heutigen Zeit wird meist deutlich zu viel Eiweiß verzehrt. Laut der aktuellen Gesundheitsberichterstattung des Bundes liegt der Eiweißverzehr von Kindern und Jugendlichen deutlich über den DACH-Referenzwerten. Die als Quelle herangezogene EsKiMo-Studie zeigt, dass vor allem Kinder im Alter von 6-11 Jahren durchschnittlich mehr als das Doppelte der empfohlenen Proteinmenge konsumieren – Jungen noch mehr als Mädchen (Mensink et al., 2007).

Ein zu hoher Eiweißverzehr kann auch zu negativen Gesundheitseffekten führen. Tierisches Eiweiß erhöht den Insulinspiegel und den IGF-1-Wert – beides begünstigt das (Zell-) Wachstum und wird z.B. mit Krebserkrankungen in Verbindung gebracht. Dass nicht nur Übergewicht, sondern auch ein verstärktes Längenwachstum das Krebsrisiko deutlich erhöht, ist inzwischen sehr gut belegt.

Veggiewahn

Das Buch "China Study" von T. Colin Campbell und Thomas M. Campbell wird zum Beispiel von Udo Pollmer und Ulrich Neumeister stark angezweifelt. Hat es denn nun eine wissenschaftliche Aussage oder wurden bei der Auswertung tatsächlich Korrelationen und Kausalität verwechselt?

Dr. Jacob: Das Buch „China Study“ widmet sich nicht nur früheren Forschungsergebnissen des Autors T. Colin Campbell, darunter auch die China Study, sondern auch zahlreichen wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema. Campbell hatte zunächst bei Kindern in Entwicklungsländern festgestellt, dass diese nur an Leberkrebs erkrankten, wenn sie dem Schimmelpilzgift Aflatoxin ausgesetzt waren und tierisches Protein Bestandteil ihrer Ernährung war. Diese physiologische Kausalität konnte er schließlich im Tierversuch belegen und anhand der China Study untermauern. Außerdem führt der Autor in dem Buch die Studien zahlreicher weiterer Wissenschaftler zum Thema an, die die Aussagekraft des Buches noch untermauern.

Trotz der lautstarken Kritik, die auf Internet-Seiten gebetsmühlenartig kopiert wird und von einigen wenigen Populär-Wissenschaftler gestützt wird, ist die Aussage des Buches also als eindeutig positiv zu bewerten und korrekt, auch wenn Campbell hier und da vielleicht etwas übertreibt. Das ist für Laienbücher aber üblich und findet in den populärwissenschaftlichen Büchern der low carb Gemeinde meist in einem viel stärkeren Ausmaß statt. Es ist nur ungewöhnlich, dass ein Professor und Vegetarier wie Campbell verbal so auf den Putz haut. Am Aufschrei seiner Gegner und am Erfolg seines Buches gemessen hat er viel erreicht.

Auch in meinem Buch habe ich der China Study daher ein Kapitel gewidmet und die Zusammenhänge noch ausführlicher dargestellt. Dazu habe ich Campbells Originalveröffentlichungen und die ursprünglichen offiziellen Texte zur China Study der Cornell University verwendet.

Veggiewahn Vorschau

Ulrich Neumeister erklärt in seinem Buch "Veggiewahn", dass unser Körper lieber aus dem Eiweiß Zucker verwandelt. Ich zitiere: "Diesen Vorgang bezeichnet man Glukoneogenese. [...] Gegenüber einer externen Kohlenhydrat-Zufuhr hat das sogar den Vorteil, dass nur soviel Zucker hergestellt wird, wie unser Körper tatsächlich benötigt. Dadurch kommt es nicht zu gefährlichen Blutzuckerschwankungen, die bei einer Kohlenhydratzufuhr fast unvermeidbar sind." Ist es am Besten, überhaupt keine Kohlenhydrate zu verzehren? (Quelle des Zitats: Neumeister, Ulrich: Veggiewahn. Linz : Freya Verlag, 2016. Seite 106)

Dr. Jacob: Den größten Effekt auf den Blutzucker haben raffinierte Kohlenhydrate, wie Weißmehl oder Zucker. Kohlenhydrate aus Vollkornprodukten hingegen beeinflussen den Blutzuckerspiegel weniger. Hierbei ist vor allem auch die Zubereitung der Lebensmittel wichtig (Nudeln bissfest (al dente) kochen, nicht zerkochen). Hilfreiche Tipps erhalten Sie in meinem Buch „Dr. Jacobs Weg des genussvollen Verzichts sowie in Dr. Jacobs Ernährungsplan, der die Essenz aus meinem Buch in kurzer, verständlicher Form darstellt.

Viel wichtiger als der Einfluss eines Lebensmittels auf den Blutzuckerspiegel ist dessen Einfluss auf den Insulinspiegel. Der Insulinspiegel wird neben raffinierten Kohlenhydraten insbesondere durch tierische Lebensmittel und noch mehr durch die Kombination tierischer Lebensmittel mit raffinierten Kohlenhydraten erhöht.

Der Verzicht auf Kohlenhydrate ist somit weder notwendig noch ratsam. Denn durch den Verzehr von Vollkornprodukten wird der Körper zudem mit wichtigen Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen versorgt. Allerdings gilt immer die Grundregel: iss nur, was Du verträgst. Und hier haben wir heute immer mehr Probleme mit Unverträglichkeiten gegen Gluten, Histamin-Intoleranz etc.

Laut "Veggiewahn" von Ulrich Neumeister sollte auf jedem Nahrungsmittel, das durch Soja aufgewertet wird, ein ähnlicher Warnhinweis wie auf der Zigarettenpackung stehen, ich zitiere (1): "Achtung: Soja macht unfruchtbar, dement, impotent und aggressiv. Er lässt das Gehirn schrumpfen und verursacht Wachstumsverzögerungen." Er sagt auch, ich zitiere: "Mit nur einem Glas Sojamilch wird die gleiche Hormonmenge aufgenommen, wie sie in einer Anti-Baby-Pille enthalten ist. Selbst Tofu enthält pro Kilogramm Trockenmasse bis zu vier Gramm Phytoöstrogene. Dabei genügt bei Frauen schon eine geringfügige Isoflavon-Aufnahme von 45 Milligramm " Das klingt irgendwie dramatisch. Müssen wir uns wirklich Sorgen machen? (Quelle des 1. Zitats : Neumeister, Ulrich: Veggiewahn. Linz : Freya Verlag, 2016. Seite 135; Quelle des 2. Zitats: Neumeister, Ulrich: Veggiewahn. Linz : Freya Verlag, 2016. Seite 68)

Dr. Jacob: Das beste Beispiel dafür, dass man sich beim Verzehr von Soja keine Sorgen machen muss, sind die vegan und vegetarisch lebenden Adventisten. Adventisten sind Anhänger einer religiösen Glaubensgemeinschaft, die aus religiöser Überzeugung einen gesunden Lebensstil pflegen. In den sogenannten Adventisten-Studien mit ca. 100.000 Teilnehmern, einer Serie von Studien der Loma Linda-Universität, schneiden die vegan und vegetarisch lebenden Adventisten gesundheitlich besonders gut ab. Eine Analyse der Ernährungsgewohnheiten der Adventisten zeigt: Die veganen Adventisten, die in den Studien besonders gut abschnitten, essen relativ viel Soja: 10,9 g Sojaprotein werden im Schnitt verzehrt. Mit nur 4,8 g Milchprotein (etwa 150 ml Milch), aber 8 g Sojaprotein am Tag verzehren die Ovolacto-Vegetarier im Vergleich zu Europäern sehr wenig Milchprodukte. Adventisten, die öfter als einmal am Tag einen Sojadrink zu sich nehmen, haben ein 70 % niedrigeres Risiko für Prostatakrebs.

Die Adventisten-Studien – wie übrigens hunderte weiterer Studien sowie die Tofu-essenden Bewohner Okinawas und Chinas – zeigt, dass hinter der momentanen Anti-Soja-Welle viel Panikmache steckt, die vermutlich von Interessengruppen lanciert und über populärwissenschaftliche Literatur und das Internet verbreitet wird. Soja ist nicht die zentrale Grundlage einer gesunden Ernährung, aber kann durchaus Teil davon sein.

Dr. Jacobs Weg

Erhöhen cholesterinreiche Lebensmittel den Cholesterinspiegel oder wird Cholesterin einfach wieder ausgeschieden? Ich zitiere: "Der Vorstellung, wonach sich Nahrungscholesterin einfach so im Blut ansammeln würde, ist in zweifacher Hinsicht zu widersprechen: Erstens reguliert der Darm ganz genau, wie viel Cholesterin aus der Nahrung aufgenommen wird. Hat der Körper genug Cholesterin, so wird das Cholesterin aus der Nahrung, das nicht gebraucht wird, einfach wieder ausgeschieden." (Quelle des Zitats: Neumeister, Ulrich: Veggiewahn. Linz : Freya Verlag, 2016. Seite 177)

Dr. Jacob: Unser Körper besitzt zwar die Fähigkeit, Cholesterin wieder auszuscheiden. Diese Regulation funktioniert jedoch nur bis zu einem gewissen Alter gut.

Zahllose wissenschaftliche Studien belegen, dass ein erhöhter Cholesterinspiegel sich negativ auf unsere Gesundheit, insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Demenz, auswirken kann und dass unsere Ernährung Einfluss auf den Cholesterinspiegel hat. Der Cholesterinspiegel wird nicht nur durch die Aufnahme von cholesterinreichen Lebensmitteln beeinflusst, sondern auch von der Menge an tierischem Protein, gesättigten Fetten, Zucker und Weißmehl.

Für Menschen, die täglich viel sitzen und wenig Sport treiben, wäre eine fettreiche Ernährung besonders vorteilhaft. Sind Sie auch dieser Meinung? Ich zitiere: "Gerade für Menschen, die eine sitzende Tätigkeit ausüben und wenig Sport treiben, wäre eine fettreiche Ernährung besonders vorteilhaft. Der Grund ist der, dass Fett die oxidative Phosphorylierung in den Mitochondrien entkoppelt, ähnlich wie eine intensive sportliche Tätigkeit, wobei das Endergebnis genau das gleiche ist: nämlich die Erzeugung von Wärme!" (Quelle des Zitats: Neumeister, Ulrich: Veggiewahn. Linz : Freya Verlag, 2016. Seite 276)

Dr. Jacob: Mangelnde körperliche Betätigung mit einer fettreichen Ernährung kompensieren zu wollen kann sich gefährlich auf die Gesundheit auswirken. Wenn überhaupt, wäre es eine deutliche Kalorienrestriktion, die dieses Ziel als einziges erreichen könnte.

Es gibt keine Ernährungsform, die den Nutzen von körperlicher Bewegung aufwiegt. Nicht ohne Grund wird mittlerweile sogar von der „Sitzkrankheit“ gesprochen. Ich bin jedoch für konstant mehr Bewegung im Alltag, nicht für Leistungssport.

INTERVIEW ENDE

Ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Zeit und die vielen informativen Antworten.

Beitrag von Lisa Albrecht am 29. März 2016 veröffentlicht.