Körperminimalismus – natürlich oder eklig?

Sandra
Sandra

Ich erinnere mich noch gut an meine frühere Badroutine. Locker eine Stunde konnte ich damit verbringen, mich zu waschen und zu pflegen. Unter der Dusche wurden Haare gewaschen, vielleicht noch eine Spülung, der Körper eingeseift, hin und wieder ein Peeling oder eine 3 - Minutenmaske. Danach ging es direkt weiter: das Gesicht wurde eingecremt, danach der ganze Körper. Ich hatte extra Lotionen für Gesicht, Körper, Hände, Füße und Volumenschaum für den Kopf... Die Haare mussten über die Bürste geföhnt werden, damit jede Strähne auch genauso fällt, wie sie fallen soll. Danach noch anti-frizz rein – im Winter natürlich besonders wichtig, damit die Arbeit auch hält und sich nichts kräuselt (übrigens, meine sehr glatten Haare haben sich nie gekräuselt). Deo darauf und zum krönenden Abschluss noch Schminke. Ich habe mich nie wirklich viel geschminkt. Make-up habe ich z. B. nie benutzt und auch sonst habe ich nur zu besonderen Anlässen wirklich viel Schminke aufgetragen. Aber Lidstrich und Wimperntusche mussten immer darauf. Ansonsten konnte ich nicht auf die Straße, viel zu müde und ausdruckslos sah ich ohne aus.

Körperminimalismus - wie viel ist nötig?

Umdenken hat begonnen

Das ist tatsächlich lang her. Ich bin zwar schon recht früh auf Naturkosmetik umgestiegen, aber trotzdem erscheint mir das alles aus heutiger Sicht gar nicht mehr natürlich. Mein Umdenken begann mit meiner Schwangerschaft. Ich hatte viel mit Übelkeit zu kämpfen und habe mich so mies gefühlt, dass ich kaum aufstehen konnte. An ein ausgiebiges Badritual war nicht zu denken. Das schlimmste war die Geruchsempfindlichkeit. Besonders Parfüm, aber auch viel „sanftere“ Hygieneprodukte konnte ich nicht mehr ertragen. Ich bin von meinem Naturdeo auf ein selbstgemachtes umgestiegen. Habe mehr und mehr Produkte weggelassen, weil mir der Geruch einfach missfiel. Und habe gemerkt: Es geht ja auch ohne!

Wahnsinn, meine Haut ist nicht zu Schuppen geworden und langsam von mir abgefallen. Ich habe festgestellt, das beste Mittel gegen trockene Haut ist viel zu trinken. Die härteste Umstellung war das Weglassen der Handcreme. Schon nicht mehr der Schwangerschaft geschuldet, sondern mittlerweile der Überzeugung, dass die Haut das auch ohne kann. Im Sommer lief alles gut, dann kam der Winter und es wurde schwieriger. Der Höhepunkt war im Februar erreicht, die Hände waren rau, rissig – bis sie teilweise bluteten... Und dann wurde es besser. Im Frühling kein Problem mehr, im kommenden Winter ein kleiner erneuter Rückschlag, aber dieses Jahr war alles super. So lange kann es dauern, bis die Haut gelernt hat, sich wieder selbst zu regulieren.

Dusche

Gar kein Problem war für mich das Weglassen von Duschgel. Ich habe mich zuerst mit Lavaerde gewaschen. Das hat mir auch gut gefallen, ein bisschen wie in der Kindheit, wenn man mit Matsch gespielt hat. Aber auf die Dauer zu anstrengend und viel zu teuer für so ein bisschen Erde. Ich habe mir überlegt, was für eine Alternative gut wäre. Herkömmliches Duschgel kam nicht infrage. Eine naturlich-vegane-bio Seife? Bestimmt nicht schlecht, aber ich habe es doch einfach mal ohne probiert. Und siehe da, ich fühle mich auch erfrischt und sauber, nachdem ich mich nur mit Wasser abdusche. Vor fünf Jahren war mir das noch absolut unvorstellbar.

Ähnlich erging es auch dem Deo. Ich habe einfach immer wieder vergessen es aufzutragen. Irgendwann habe ich es einfach ganz weggelassen. Am Anfang ein echt komisches Gefühl (obwohl ich vorher auch tagelang ohne herumgelaufen bin, des Vergessens geschuldet). Aber man gewöhnt sich dran und die Schweißbildung reguliert sich. Zugegeben, am Anfang hatte ich immer wieder das Bedürfnis, mich zumindest unter den Armen mit Seife zu reinigen. Aber mit der Zeit hat das ebenso nachgelassen.

Stinke ich jetzt nicht ganz furchtbar? Hmm, ganz ehrlich – ich glaube nicht, es hat sich noch niemand beschwert. Ich selbst rieche mich manchmal, aber nur wenig und auch wirklich nur selten. Und ich habe das Gefühl, es wird immer seltener. Tatsächlich ist mir heute ein ganz leichter Geruch nach Schweiß lieber als eine Deowolke. Ich denke, das hängt sehr viel mit Gewohnheit zusammen. Viele haben sich dem natürlichen Menschengeruch einfach entwöhnt. Was sehr schade ist, immerhin lernen wir einander ja auch über den Geruch kennen und Partner sollten sich in jedem Fall „gut riechen können“. Das Sprichwort kommt nicht von irgendwoher.

Überhaupt herrscht in der Gesellschaft viel Ekel vor absolut menschlichen, natürlichen Dingen. „Nicht anfassen, ich schwitze!“ höre ich nicht selten. Lieber gar nicht bewegen, man könnte ja transpirieren – wie unangenehm. Und was andere Menschen wohl von einem denken könnten, wenn man schwitzt... Genauso sieht es mit Haaren aus. Überall muss sich der Mensch rasieren, außer auf dem Kopf. Männer ja fast schon genauso wie Frauen. Nein, ich bin keine „ich lass mein Achselhaar wachsen als Zeichen des Feminismus“ Vertreterin. Ich finde nur, jeder sollte sein Haar da wachsen lassen, wo es ihm oder ihr gefällt. Einfach so. Da wo die Haare noch wachsen, erfüllen sie einen Zweck, einen ganz natürlichen. Die sind nicht widerlich. Es sind einfach Haare.

Hair

Bin ich jetzt unhygienisch? Für mein Ich vor fünf Jahren – vielleicht. Zumindest hätte ich mir damals nicht vorstellen können, mich so sauber und wohl zu fühlen. Aber ich fühle mich so total super. Meine Haut ist viel besser geworden, ich kann mich selbst wieder (Achtung Wortwitz!) riechen. Ich mache mir nicht mehr so viele Gedanken um Dinge, die es meiner jetzigen Ansicht nach einfach nicht wert sind, Zeit darauf zu verschwenden – und Geld. Ach ja, das Geld, ökonomisch auf jeden Fall sinnvoll, auf all die Pflegeprodukte zu verzichten und noch viel wichtiger: ökologisch sinnvoll, denn das erspart eine ganze Menge Müll. Und Dreck im Abwasser. Die Haut dankt es einem auch, wie schon erwähnt.

Ich habe schon einmal einen Bericht über Shampoo-Bars geschrieben, als ich auf der Suche nach einer guten Alternative für konventionelles Shampoo war. Ich habe mir danach eine Zeit lang die Haare wieder mit einer richtigen Haarseife gewaschen. Damit war ich auch zufrieden. Wäre da nicht mein Lebensgefährte. Er wäscht sich sein Haar NIE mit irgendwas, außer Wasser. Sein Haar ist niemals fettig, es ist total weich, schön, glänzend, voll und das besonders, wenn man bedenkt, dass er sich langsam der vierzig nähert. Wie kann das sein?

Haare können also auch nur mit Wasser sauber werden. No-poo nennt sich das. Wer sich informiert, bekommt viele Erfahrungsberichte. Alles was dafür notwendig ist, ist langes, ordentliches Bürsten, am besten mit einer Widschweinborstenbürste, so heißt es. Zum Glück gibt es eine vegane Alternative – eine Sisalbürste. Schönes, niemals fettendes Haar, nur mit Wasser waschen und bürsten? Klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Die Sache hat auch einen Haken. Die Zeit, bis sich die Kopfhaut reguliert hat und nicht mehr überschüssigen Talg produziert, kann sehr lang sein. Bis zu zwölf Wochen. Und in dieser Zeit sieht man eben furchtbar aus, zumindest auf dem Kopf. Die Haare sind fettig und strähnig, sie fallen irgendwie schwer und fassen sich auch seltsam an. Gewöhnungsbedürftig und vor allem eine echte Herausforderung in unserer oberflächlichen Welt, in der das Erscheinungsbild oft alles ist, was zählt.

Trotzdem ist mir die Sache einen Versuch wert, auf dem Weg alle Kosmetikprodukte als überflüssig zu verbannen. Nach nur drei Wochen sieht mein Haar auch gar nicht mehr so schlimm aus. Vielleicht, weil ich schon lange vorher auf Tenside komplett verzichtet habe. Ich bin gespannt, wie es sich in nächster Zeit entwickelt, vielleicht kommt ja nochmal ein Rückschlag.

Jeder in seinem Tempo

Natürlich ist so ein radikaler Umstieg nichts für jeden, muss ja auch nicht sein. Aber vielleicht kann das ja ein kleiner Denkanstoß für diejenigen sein, die sich sowieso schon fragen, welche Pflegeprodukte sie überhaupt brauchen. Und noch eine Kleinigkeit zum Schluss, die den Leserinnen und Lesern dieses Blogs wahrscheinlich sowieso schon bewusst ist: Wer sich gesund ernährt, sieht besser aus und riecht auch besser. Schminke wird dann sowieso unnötig. Eure Sandra.

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Dieser Beitrag wurde von Sandra am 21. August 2018 veröffentlicht.

ingegerd 30.8.2018 um 13:50
Hab den Beitrag schon vor ein paar Tagen gelesen, aber da ich immer noch daran denke, muss ich kurz einen Kommentar schreiben. Vielen Dank für die viele Interessante Ideen zu einem Thema, dass ich persönlich vielleicht zu wenig Aufmerksamkeit widme. Benutze schon lange keine Seife mehr, nur mal für Hände und Füße - aber werde jetzt meine Haare auch mal eine Seife-Auszeit geben. Viele Grüße von Ingegerd - www.ingegerd.de
Antworten
Lisa von ich lebe grün! 08.9.2018 um 14:56
Liebe Ingegerd,
berichte, wie es bei dir klappt! Sandra wollte auch noch einen Beitrag schreiben, welche Fortschritte sie macht. Bin gespannt!
Liebe Grüße,
Lisa
Antworten
Steffi 23.8.2018 um 16:35
Hallo Sandra,
vielen Dank für deinen tollen und interessanten Beitrag! :)
Das Weglassen von Handcreme ist auch noch ein Problem von mir. Ich benutze schon viel seltener welche, aber meine Hände sind halt teilweise relativ trocken :/ Wie hältst du es eigentlich mit dem Händewaschen? Wäscht du dir die Hände auch nur mit Wasser? Oder mit flüssiger oder fester Seife?
Viele Grüße, Steffi
Antworten
Sandra 25.8.2018 um 22:40
Hallo Steffi,
ich versuche meine Hände wirklich nicht so oft zu waschen, das trocknet sie nur aus. Seife benutze ich auch nur, wenn ich es wirklich für absolut notwendig halte und dann eine feste Seife aus reinem Olivenöl. Beim Spülen habe ich tatsächlich eine Zeit lang Handschuhe getragen, obwohl das gar nicht mein Ding ist, es ging nur während der Umstellung nicht anders. Mittlerweile geht es aber auch wieder ohne, allerdings benutze ich ein sensitives Spülmittel. Aber das mit der Handcreme ist mir tatsächlich auch am schwersten gefallen, meine Hände haben im ersten Winter wirklich geblutet und ich dachte, das kann doch nicht sein. Aber das Durchhalten hat sich einfach gelohnt.
Liebe Grüße, Sandra
Antworten
Anni 23.8.2018 um 9:19
Hallo Sandra,
kannst du eine Sisalbürste empfehlen? Ich habe bei meiner leider das Gefühl beim Bürsten meine Haare total kaputt zu machen. :( Die Laden sich dadurch furchtbar auf und dann bekomme ich von der Bürste definitiv viel schneller Spliss. Daher habe ich mich bisher nicht an die Water-Only-Methode ran getraut.
Deo finde ich wirklich auch ein schwieriges Thema. Ich experimentiere noch ganz viel mit unterschiedlichen Marken und selbstgemachten Deos, denn ohne kann ich noch nicht.
Danke für deinen tollen Beitrag. =)
Antworten
Sandra 25.8.2018 um 22:51
Hallo Anni,
meine Sisalbürste ist von Kostkamm mit Buchenholzgriff. Meine Haare laden sich teilweise auch auf beim Bürsten, legen sich danach aber sofort. Ich muss gestehen, dass ich sie noch nicht so lange benutze, als dass ich guten Gewissens eine wirkliche Empfehlung aussprechen könnte. Im Moment bin ich zumindest zufrieden. Ob die Bürste mein Haar schädigt kann ich vielleicht in zwei Monaten beurteilen.
Zum Deo, vielleicht kannst du mal versuchen, einfach nur ein bisschen Natron mit Wasser zu benutzen. Das habe ich auch manchmal gemacht, bevor ich komplett verzichtet habe. Natron habe ich auch in mein selbstgemachtes Deo gemischt, es bindet den Geruch und funktioniert auch alleine. Immerhin fast so minimalistisch, wie der komplette Verzicht ;)
Liebe Grüße, Sandra
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Anni 29.8.2018 um 13:31
Hallo Sandra,
danke für deine Tipps.
Leider kann ich Deos mit Naton nicht wirklich ab. Nach zwei Tagen Nutzung werden meine Achseln rot und brennen. :( Daher funktionieren wohl auch so viele selbstgemachte Deos bei mir so schlecht.
Viele Grüße,
Anni
Gül 22.8.2018 um 7:39
Guten Morgen! Danke für Deinen super Erfahrungsbericht.Bin auch auf diesem Weg. Es fehlen noch die Haare. Sonst schon viel naturell bei mir.Aber wie Du schon sagst : es ist ein Weg. Und es tut mir gut. Danke! Lieben Gruß
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Sandra

Sandra

Gast-Autorin

Ich bin Sandra. Wenn ich meine Zeit nicht gerade draußen verbringe, lese ich so viel es geht. Außerdem schlägt mein Herz vor allem für Tiere und orientalischen Tanz. Ich bin Mama von zwei Kindern.

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