Ist die neue Haltungsform-Kennzeichnung für Milchprodukte sinnvoll?

Lisa Albrecht
Lisa Albrecht

Für Fleisch gibt es sie schon, für Milchprodukte ist sie neu: die Haltungsform-Kennzeichnung mit vier Stufen. An sich eine gute Idee – denn wer weiß schon, unter welchen Bedingungen die getöteten Tiere gehalten wurden, die dann später in der Verpackung landeten. Auch auf Milchtüten sieht man die ersten Labels, wie die Kühe ihre Lebenszeit verbracht haben.

Haltungsform-Kennzeichnung für Fleisch-und Milchprodukte

Dabei ist es nicht wie in der Schule, also Note 1 für sehr gut und so weiter, sondern umgekehrt. Die Haltungsform 1 steht für die „Stallhaltung“ und beschreibt den gesetzlichen Mindeststandard. Wer denkt, dass dieser Mindeststandard besonders tierfreundlich ist und viele Freiheiten bietet, liest am besten weiter. Die Haltungsform 2 bedeutet „StallhaltungPlus“. Klingt schon fast wie im Sterne-Hotel dieses Plus, die Tiere haben dann im Vergleich etwas mehr Platz im Stall (ca. 10 Prozent) und sogar zusätzliches Beschäftigungsmaterial! Außerdem dürfen Kühe nicht angebunden werden. (Meine Quelle ist hierfür die Verbraucherzentrale.)

Haltungsform-Kennzeichnung für Fleisch-und Milchprodukte

Mir fehlen oft die Worte

Während ich das so schreibe, schlägt mein Herz um einiges schneller und ich muss permanent einen Kloß im Hals herunterschlucken. Kurz gesagt: Ich könnte kotzen. Wer möchte gerne sein Leben so verbringen, mal ganz ehrlich? Angebunden sein, funktionieren, nur ausgebeutet werden und so gar nichts mehr selbst entscheiden. Geben, geben und noch mal geben. Und wenn man nicht mehr gut genug ist (oder wegen des Fleisches dick genug geworden ist), auf dem Teller landen. Mit viel Glück bekommt man 10 % mehr Platz und ein wenig Beschäftigungsmaterial (vielleicht ja eine Kratzbürste?) für seine Lebensleistung. Ach ja, ich vergaß. Man wird nicht angebunden. Das natürlich nur, wenn man zu den Glückspilzen in der „StallhaltungPlus“ gehört.

Haltungsform-Kennzeichnung für Fleisch-und Milchprodukte

Die Haltungsform 3 „Außenklima“ geht einen Schritt weiter. Ca. 40 % mehr Platz im Stall und Kontakt mit dem Außenklima wird geboten. Klingt ganz gut, das Wort „Außenklima“. Das könnte ein überdachter Außenbereich am Stall sein oder eine offene Stallseite. So wie ich es verstehe, bedeutet es aber noch lange nicht, dass die Tiere raus dürfen, sie können aber ein wenig frische Luft schnuppern und ahnen, dass es noch das Leben außerhalb der vier Wände gibt. Hier ist auch noch Futter ohne Gentechnik vorgeschrieben.

Eine Sache finde ich ganz interessant. Die Tiere können oder müssen Genfutter essen (bei Stufe 1 und 2), aber genmanipulierte Lebensmittel sind in Deutschland nicht erlaubt. Diese Tiere landen doch früher oder später auf dem Teller, gefüttert mit dem Genfutter. Aber solange die Tiere ja nicht genmanipuliert sind, ist alles gut.

Die Haltungsform 4 mit der Bezeichnung „Premium“ bietet den meisten Platz im Stall und endlich – auch Auslauf für die Tiere. Wie lange und wie viel „Freiheit“ sie wirklich haben, habe ich nicht recherchiert, das wird wohl je nach Betrieb variieren. Aber sie dürfen endlich raus. Das Futter muss hier ebenfalls ohne Gentechnik sein.

Haltungsform-Kennzeichnung für Fleisch-und Milchprodukte

Welche Wahl wird beim Einkaufen getroffen?

Wenn jemand im Geschäft eine große Auswahl an verschiedenen Produkten hat und wirklich die Labels miteinander vergleicht, könnte möglicherweise eine Entscheidung für mehr Tierwohl fällen. Wie die Praxis aussieht, wird sich natürlich zeigen. Bei Fleisch wurde schon an manchen Stellen bemängelt, dass es recht wenig Auswahl in den Stufen 3 und 4 gibt. Beim nächsten Einkauf werde ich interessehalber auf die Fleischverpackungen ein Auge werfen, um die Lage noch besser zu beurteilen. Aber mich wundert die unzureichende Auswahl, denn es gibt nach wie vor sehr viel Fleisch aus Massentierhaltung. Und da müssen wir uns nichts vormachen, sie setzt auf möglichst viel und möglichst billig. Werden die Menschen wirklich das Produkt, das sie vielleicht seit Jahren ohne Hintergedanken gekauft haben, jetzt plötzlich wegen dem neuen Label liegen lassen? Und haben sie eine Alternative, die sie stattdessen kaufen? Sind sie bereit, etwas zu verändern und nicht nur an ihr eigenes Wohl und den Hunger zu denken?

Haltungsform-Kennzeichnung für Fleisch-und Milchprodukte

Ich möchte eine große Optimistin sein und sage jetzt einfach „JA“. Sie werden es tun. Welche Alternativen gibt es dann für sie? Sie können mehr Bio-Produkte wählen, dort sind die Standards mindestens bei der 4. Stufe und höher. Sie können auf Fleisch und Milchprodukte verzichten, einmal in der Woche, zweimal oder sogar ganz. Von ihrer neuen Entdeckung könnten sie sogar ihren Freunden, Nachbarn, Bekannten und Verwandten erzählen und gleichzeitig von den vielen gesundheitlichen Vorteilen profitieren. Und schon haben sie nicht nur an ihr Wohl gedacht, sondern an das Wohl der Tiere. An unsere Umwelt. An die belasteten Felder. An die voranschreitenden Antibiotikaresistenzen. An die Belastung im Grundwasser. An die Stärkung der Insektenvielfalt. Ich könnte hier tausend Dinge aufzählen, die mit dem Tierproduktkonsum zusammen hängen. Und man darf nicht vergessen. Oft denkt der Mensch viel zu kurz. Er denkt zuerst an sich. Aber dass sein kurzfristiges Verhalten einen langen Rattenschanz mit Folgen bedeutet, merkt er erst viel später und klagt nur darüber. Weil der Zusammenhang nicht deutlich genug ist.

Haltungsform-Kennzeichnung für Fleisch-und Milchprodukte

Ich danke allen Menschen, die bis zu dieser Zeile gelesen haben und sich diesem Thema öffnen wollen. Dieser Schritt ist nicht einfach und erfordert Mut. Werden wir mutig und machen uns klar, dass das Meer auch nur aus vielen einzelnen Tröpfchen besteht. Jeder kann etwas tun. Wirklich jeder. Ganz viele Grüße, deine Lisa.

Beitrag von Lisa Albrecht am 5. Januar 2022 veröffentlicht.