Nachhaltig Vegan Fair
Werbung

Meine Pflicht, dein Leid, unser Glück!

Nanee Seven
Nanee Seven

Herrje, schon wieder eine Woche rum? Ich überlege kurz dir abzusagen, bringe es aber nicht über´s Herz. Ich quäle mich durch die Rush Hour und gehe im Geiste die nächsten Tage durch. Wieder ein sehr knapper Zeitplan! Manchmal wünsche ich mir, diese Verpflichtung abgeben zu können. Ich biege in die vertraute Einfahrt, parke und schnappe den Strauß Astern, den ich noch schnell besorgt habe. Ich kann dir kaum mit etwas eine Freude machen, außer mit Blumen. Das Gebäude ist fertig saniert und wirklich schön geworden. Vorfreude steigt in mir auf. Die Schritte werden schneller. Und an der Eingangstür lasse ich ein Stück Alltag zurück. Hier ticken die Uhren anders…

Auf ein paar Quadratmetern spielt sich dein Leben ab. Ein Bett, ein Nachtisch, ein großes Fenster. Doch die Liebe an diesem Ort gleicht einer alten riesigen Eiche… mit unzähligen Verästelungen und Wurzeln tief im Erdreich, allen Winden zum Trotz. Sie wird noch da sein, wenn du nicht mehr bist und überdauert sicher viele Leben. Dabei sind deine Augen so sanft. Sie ruhen auf mir, ohne zu urteilen, ohne Fehler-Suche. Nur die tiefe reine Bindung zwischen zwei Generationen, die sich einig sind: Schön, dass du da bist.

Das Erbe der Ahnen

Seit sechs Jahren bin ich nun dein Vormund… beantworte deine Post, bringe dir Handcreme und Pralinen und schmücke dein Fenster weihnachtlich, wenn der erste Advent naht. Seit langem kannst du nicht mehr allein aus dem Bett. Mittlerweile möchtest du es auch nicht mehr. Deine Welt ist klein geworden. Doch dein Geist wach. Er kennt noch jede Straße und jedes Gesicht in deinem Geburtsort… weit weg in der Lausitz. Wie immer strahlst du mich an, als ich dich mit einem sanften Kuss auf die Wange begrüße. Dein ganzes Glück liegt in dieser einen Stunde. Und wie so oft bedauere ich, dass ich nicht mehr Zeit habe. Wollte ich eben noch, dass das hier endet? Ich speichere zum tausendsten Mal deine Gesichtszüge auf meiner inneren Festplatte. Hier und da lese ich Bedauern. In 90 Jahren Lebenszeit war viel Platz für Entscheidungen, zum Guten… oder eben nicht. Und der Verlust der einen großen Liebe, der ist immer noch präsent, trotz der vielen Jahrzehnte, die nun zwischen euch liegen. Danach hast du viel für andere gelebt. Nachbarn, Freunde, Enkelkinder. Vor allem mir warst du sehr zugetan. Und auf mancher unruhigen Fahrt auf dem Fluss des Lebens warst du mein Ufer. Deine Liebe habe ich immer gespürt, egal wo ich mal wieder hingezogen bin. Wir haben von deinen Ersparnissen profitiert, von deinen Backrezepten, von deinen Anrufen. Genau wie du von deiner Oma. Und diese von ihrer.

Das Erbe der Ahnen

Und wenn wir uns die vergilbten Schwarzweiß-Fotos ansehen und du von früher erzählst, dann beschleicht mich das Gefühl, dass ich die Tochter vieler Mütter bin und dass viele Väter hart gearbeitet haben, dafür dass ich hier sitze. Und ich bin sehr dankbar… für das Erbe meiner Ahnen. Für all die Arbeit, die sie geleistet haben. Die Liebe, die sie mir vorausgeschickt haben. Im Grunde ist nichts „selbstverständlich“, hat es doch Irgendjemanden vor uns Kraft und Zeit gekostet! Ein Haus, eine Straße, ein gepflanzter Baum, ein Gedicht, ein Rezept für Apfelkuchen… genießen wir zusammen das, was uns zur Verfügung steht und bauen wir es weiter!

Vielleicht gibt es jemanden, den du schon lange besuchen wolltest? Oder an den du dich erinnern möchtest? Verschenken wir in den Adventstagen etwas Wunderbares… Zeit.

Nanee Seven

Das könnte euch auch interessieren:

Dieser Beitrag wurde von Nanee Seven am 6. Dezember 2016 veröffentlicht.

Ralf L 6.12.2016 um 17:59
Sehr berührend...
Gerade jetzt vor Weihnachten denke ich viel an meine Eltern die mich vor drei Jahren kurz hintereinander verlassen haben, an das was ich Ihnen verdanke und das was ich Ihnen noch gerne gesagt oder von meinem neuen Leben gezeigt hätte...
Manche Menschen vergisst man nie, und dass ist gut so.