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Ich stelle mich meiner Angststörung und verreise alleine!

Lisa Albrecht
Lisa Albrecht

Ich fange gerade an zu schreiben und kann es nicht fassen, dass es soweit ist und dass ich so etwas überhaupt schreibe. In meinem ersten Teil hast du ja bereits gelesen, dass ich viele Jahre Panikattacken hatte und mich in meiner Lebensqualität sehr eingeschränkt fühlte. Ich habe zwar schon seit 4 Jahren keine körperlichen Symptome mehr, aber die Angst, richtig verreisen zu können, war sehr stark präsent. Was ist, wenn es mir beim Verreisen doch wieder so schlecht geht? Die Angst vor der Angst war also so stark, dass ich mich mit dem Reisen zurückgehalten habe. Vor allem mit einem Kind, ich trage doch die Verantwortung und die große Angst war groß, dass ich plötzlich nicht mehr "funktionieren" könnte.

Urlaub am Meer trotz Angststörung und Panikattacken
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"Zero Waste geht auch an meinen Tagen."
Lisa Albrecht
Meine Lösung

Kann ich meine Angst überwinden?

Während du das liest, sitze ich gerade gemütlich in meiner Ferienwohnung mit Blick auf das Meer und schreibe diese Zeilen. Und es fühlt sich surreal an, aber ich war noch nie so stark und tiefenentspannt wie jetzt. Für mich ist diese Reise wie eine Therapie. Sie anzutreten, war eine unbeschreibliche Herausforderung und jeder, der schon mal unter Panikattacken litt oder leidet, weiß, wovon ich spreche. Man könnte die Überwindung durchaus mit einem Fallschirmsprung vergleichen. Ich hatte bereits seit mehreren Jahren den Wunsch, ans Meer zu fahren. Und irgendwann zogen die Ausreden nicht mehr wie etwa "mein alter Hund kann nicht mit" oder "mein Kind ist zu klein". Schließlich kann sich mein Mann um den Hund kümmern und unsere Tochter ist auch schon fast 3 Jahre alt. Sie wollte auch sehr gerne ans Meer fahren. Eigentlich finde ich es blöd, nicht als eine komplette Familie zu fahren. Gut, unseren Hund können wir wirklich nicht mehr mitnehmen, das wäre für ihn eine Zumutung. Aber alleine mit Kind könnte ich fahren und mein Mann bestärkte mich, diesen Schritt zu gehen, denn er wusste, was das für mich bedeutet. Irgendwann spürte ich, dass ich so nicht mehr weiter machen wollte. Ich hatte mich schon von so vielen Zwängen gelöst. Dieses Problem lastete schwer auf meinen Schultern und ich wollte mich endlich der Angst stellen. Ich leitete alles in die Wege und buchte den Urlaub. Als alles fest gebucht war, lief ich einen Tag lang quasi nur mit offenem Mund durch das Haus und fasste mich an den Kopf. Bin ich verrückt?

Urlaub am Meer mit Panikattacken

Ein Kampf mit dem Gedankenkarussell

Zwei Wochen bis zur Reise kämpfte ich mit allen möglichen Gedanken und drehte die spannendsten Thriller in meinem Kopf. Ich hatte Angst und fragte mich ab und zu, warum ich mir so eine ungemütliche Sache aufgehalst habe. Teilweise hatte ich gar keine Lust mehr. Aber ich wollte zu keinem Zeitpunkt kneifen. Wenn mir diese negativen Gedanken in den Kopf kamen, machte ich mir klar, warum ich diesen Schritt gehen wollte. Ich machte mir einen Plan. Eine "To do"-Liste sorgt für Abwechslung und bringt mich im Urlaub dazu, diverse Dinge zu probieren. Mit der Fähre über das Meer fahren, in die Nachbarstadt schwimmen gehen, in die Großstadt mit der Fähre fahren und eine Ausstellung besuchen, sowie vegan essen gehen - das alles selbstverständlich mit Kind und ohne fremde Hilfe. Schließlich kam der besagte Tag und wir machten uns auf den Weg zum Bahnhof. Ein Blick auf die Bahnhofstafel genügte und mein Herz rutschte in die Hose: 60 Min. Verspätung. Dabei habe ich mir extra eine schnelle Bahn-Verbindung gebucht, nur einmal Umsteigen und 1. Klasse. Ich fasste mich schnell wieder und nahm die Herausforderung an. Natürlich haben wir unseren Anschlusszug nicht erreicht, mussten wieder eine Stunde warten (mit einem müden Kind ist das ein Traum!) und verpassten auch anschließend noch die Fähre, die erst nach 1,5 Stunden wieder fuhr. Eine alternative Fahrmöglichkeit brachte uns doch noch schnell zum Ziel und wir fielen erschöpft, aber glücklich, ins Bett. Die Aussicht und das Meer sind großartig und allein deswegen hat sich die Reise schon gelohnt.

Am Meer mit Panikattacken

Den Restabend verbrachten wir am Strand und mit Spielen. Abends gelang es mir zum zweiten Mal extreme Kopfschmerzen (von der Anspannung) mit Akkupressur am Nacken bzw. der Halswirbelsäule in wenigen Minuten auszuschalten. Das ist unglaublich! Dabei kenne ich weder "die richtigen" Punkte noch bin ich ein Experte. Ich drücke einfach nach Gefühl und merke plötzlich, wann und wie sich der Schmerz verändert. Am nächsten Tag fuhren wir mit der Fähre ins Schwimmbad, die Kleine kämpfte mit Sehnsucht und neuen Gefühlen - aber auch das meisterten wir großartig und kamen gut gelaunt wieder in unser sehr gemütliches 1-Zimmer-Appartment zurück.

Wie ging es mit meiner Reise weiter?

Der nächste Ausflug ins Aquarium in Kiel war ebenso total unproblematisch, obwohl es noch zusätzlich richtig geschüttet hat und der Weg alles andere als angenehm war. Leider war der letzte Tag sehr regnerisch und trüb, wir ließen trotzdem am Stand den Drachen steigen und haben uns von dem Regen nicht ärgern lassen.

Rückfahrt

Am Sonntag war es dann soweit: Die Rückfahrt stand bevor. Ich war am Morgen leicht aufgeregt, schließlich mussten noch einige Sachen eingepackt und erledigt werden. Ich habe mich auch immer wieder gefragt, wie die Fahrt wohl diesmal wird. Man hat uns sehr bequem und schnell zum Bahnhof gebracht, unser ICE stand bereits am vorgesehenen Gleis. Wir sind eingestiegen und verbrachten eine sehr entspannte erste Stunde im Zug. In Hamburg mussten wir recht sportlich umsteigen - die theoretischen 8 Minuten reichten gerade so. Aber alles hat geklappt und im IC angekommen, landeten wir in einem Abteil mit anderen Fahrgästen. Das ist eine weitere Schwierigkeitsstufe bei meiner "Therapie", aber auch diese habe ich ohne Probleme geschafft. Selbst das Stillen in der Öffentlichkeit (und ich bin da ziemlich zurückhaltend und bevorzuge Privatsphäre) habe ich einfach gemacht, weil die Bedürfnisse meines Kindes vorgehen! Die letzten zwei Stunden zogen sich ein wenig und ich musste zusehen, wie wir sie füllen, aber auch das schaffte ich sehr gut. Mir war während der gesamten Zugfahrt weder schlecht noch hatte ich Angst vor der Angst. Am Zielbahnhof hat auf uns bereits mein Mann gewartet - wir wurden in Empfang genommen und durchgeknuddelt. :-) Als wir dann zu Hause am Tisch saßen und gegessen haben, kamen mir die Tränen. Es ist schon hart und ungewohnt, völlig alleine mit Kind 5 Tage zu sein und alles selbst meistern zu müssen - vor allem mit so einer Angst-Geschichte. Diese Anspannung kam nun zum Vorschein. Die Tränen waren jedoch auch Glückstränen, denn ich war sehr froh, wieder Zuhause zu sein. Nicht, weil ich mich zu Hause viel sicherer fühle, sondern weil ich mich so freute, wieder als Familie zusammen zu sein.

Fazit nach der Reise - Angstattaken?

Nun bin ich wieder zurück und habe einen Blick auf die gesamte Reise. Das, was mir noch vor einigen Tagen so unrealistisch vorkam, gehört bereits der Vergangenheit an. Und jetzt kann ich mir kaum vorstellen, dass ich so empfunden habe. Das ist so ein komisches Gefühl und bringt mich richtig durcheinander! Denn insgesamt klappte die Reise wunderbar trotz Zwischenfällen und mir ging es gut. Ich hatte weder Panikattacken, noch hatte ich Angst oder fühlte mich unsicher. Ich war stark, packte jede Situation und blieb sehr entspannt.

Keine Panikattacken mehr

Ich fühle mich sehr frei, jetzt weiß ich, dass ich überallhin fahren könnte. Ich habe mich bereits heute dabei erwischt, wie ich meine nächste Reiseroute plante. Das ist total verrückt! Denn solche Gedanken haben sonst in mir sehr starke negative Emotionen ausgelöst. Jetzt ist das einfach nur ein Gedanke, und ich freue mich auf die neuen Orte und Erlebnisse. Ich bin absolut davon überzeugt, dass eine Konfrontationstherapie eine gute und effektive Möglichkeit ist, seine Ängste zu überwinden.

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Dieser Beitrag wurde von Lisa Albrecht am 1. November 2016 veröffentlicht.

Jan 30.9.2017 um 0:14
Danke! Du hast mir gerade Mut gegeben, dass ich jetzt weniger Angst vor meinem nächsten Urlaub habe ! :)
Lisa von ich lebe grün! 1.10.2017 um 16:11
Hallo Jan,
das freut mich sehr, deshalb habe ich auch diesen Beitrag geschrieben - ich hatte früher auch wenig Hoffnung! Und heute weiß ich, dass alles anders aussehen kann. Mut ist so wichitg, um die Sachen endlich anzupacken - denn wenn man bereits mitten drin steckt, ist alles halb so wild.
Ich wünsche dir viel Erfolg auf deinem Weg!
Berichte, wie es dir geht.
Liebe Grüße,
Lisa
Madame Grün (www.madamegruen.com) 2.11.2016 um 9:15
Ich danke Dir für Deinen wunderbaren Beitrag!
Ich kann ziemlich genau nachvollziehen, wie es Dir ging.
Aus der Angstspirale auszubrechen und einfach mal zu machen braucht sehr viel Mut und Ausdauer.
Ich freue mich, dass für Dich alles so gut geklappt hat!
Lisa von ich lebe grün! 2.11.2016 um 16:48
Liebe Madame Grün,
ich freue mich so sehr, nun von so vielen Menschen zu hören, denen es ähnlich geht oder erging. Danke für die lieben Worte!
Viele liebe Grüße von
Lisa